Peng Hanping – Ein Leben für Gong-Fu

7. März 2010 | Autor: Redaktion  |  Kategorie: Artikel, Christian Kubiak

In meiner Sammlung von Kung-Fu-Artikeln schlummert seit einigen Jahren ein bisher in Deutschland nicht veröffentlichtes Interview mit einem Kung-Fu Meister aus Taiwan. Dieses Interview gehört zu den Texten, an denen ich immer wieder gerne, beim Durchblättern meines Orders, hängengeblieben bin und ihn gerne gelesen habe. Mir gefällt der Inhalt aufgrund seiner Botschaft über das traditionelle Kung-Fu und das Training an sich. Diese Botschaft möchte ich gerne mit anderen teilen, um das Verständnis für das traditionelle Kung-Fu bei uns im Westen zu fördern.

Mein ehemaliger Kung-Fu-Bruder Michael Hanamura aus Hagen führte dieses Interview 1991 in Tapei und verfasste danach den Artikel. Mit seiner freundlichen Genehmigung möchte ich den Text nun hier veröffentlichen, der mir in den letzten Jahren immer wieder so gut gefallen hat und mir andere Sichtweisen gezeigt hat:

Peng Hanping – Ein Leben für Gongfu
Jeden Morgen um 9:30h trifft sich eine kleine Gruppe von Gongfu Enthusiasten zum alltäglichen Training unter freiem Himmel im New Park, im Herzen von Taipei, Hauptstadt der Republik China. Die dort trainierenden Chinesen und Ausländer werden von einem kleinen kräftigen Chinesen unterrichtet, dessen Können und äußere Erscheinung, der kahl geschorene Kopf, an den Wushu Meister Li Lianjie aus dem Film „Der Shaolin Tempel“ erinnert.

Es ist eine Freude, seinem Formentraining zuzusehen. In seinen Bewegungen liegt eine ungeheure Dynamik, gepaart mit Schnelligkeit, Kraft und Ästhetik. Wenn Peng Hanping zum Sprung ansetzt, so scheint es, als als ob für einen Augenblick die Gesetzte der Schwerkraft völlig aufgehoben sind.

Nachdem wir Peng Sifu eine Zeitlang zugesehen hatten, baten wir ihn, uns mehr über sich und sein Gongfu zu erzählen.
Peng Hanping Sifu ist dreißig Jahre alt und begann im Alter von fünfzehn Jahren mit dem Training. Während der Schulzeit trat er der dortigen Gong-Fu Gruppe bei. Sein erster Lehrer war Liu Yunqiao, der ihn Tang Lang Quan und Baji Quan unterrichtete. Peng Sifu erinnert sich: „Während meiner Schulzeit bin ich jeden Morgen um 5:30h aufgestanden und habe bis 7:30h trainiert. Danach bin ich in die Schule gegangen. Nachmittags habe ich dann nochmals 1 ½ Stunden trainiert. In diesen fünf Schuljahren erlernte ich die Gong-Fu Basistechniken und erhielt eine Idee von dem, was gongfu bedeutet.“

Während seiner Militärzeit hatte er die Gelegenheit, Di Tang Quan zu erlernen. Außerdem lernte er noch Ying Zhao Quan, Zui Quan und die Basistechniken der Pekingoper. Mit der Zeit spezialisierte sich Peng Hanping jedoch auf Tang Lang Quan, Zui Quan, Chen Taiji und Hong Quan, welches er von Zhang Kezhi erlernte.

Mit sechsundzwanzig Jahren begann er, im New Park von Taipei zu unterrichten. Peng Sifu bemerkte dazu: “Zuerst baten mich einige Zuschauer, sie zu unterrichten. Und so wuchs die Gong-Fu Gruppe zu ihrer jetzigen Größe an.“

1988 im New Park in Taipei, Meister Peng Han Ping unterrichtet ein Kind

1988 im New Park in Taipei, Meister Peng Han Ping unterrichtet ein Kind

Neben dem alltäglichen Training hier im New Park unterrichtet Peng Hanping noch in diversen Schulen jeweils 1-2 mal die Woche sogar in abgelegenen Orten wie Ilan und Hsinchu. Er besitzt keine eigene Schule, da die Mieten hier in Taipei mittlerweile astronomische Summen angenommen haben, und die Schülerzahlen ständig schwanken. Deshalb lehrt Peng Sifu unter freiem Himmel und das bei jedem Wetter!

FRAGE: Peng Hanping, was bedeutet für dich Gong-Fu?
PENG SIFU: Gong-Fu ist für mich eine Kunst, eine Lebensphilosophie. Es ist ein Kampf gegen sich selbst! Gong-Fu bedeutet soviel wie Zeit und Mühe. Es ist nicht leicht Gong-Fu zu betreiben. Es kostet viel Geduld, Zeit und Schweiß, eine wirklich harte Arbeit! Gong-Fu ist gleichzeitig Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Durch den Lauf der Zeit wurde das Gong-Fu auch verschiedenen Veränderungen unterworfen, wie auch andere Dinge, wie z.B. die Sprache. Gong-Fu lebt und wird durch die Hände des Schülers individuell geformt! Heutzutage ist es kein Problem, Wudang und verschiedene Shaolin Stile zu erlernen. Früher war dies schon aus Distanzgründen unmöglich.

Gong-Fu lässt sich für mich in drei Kategorien unterteilen:

  • 真 Zhēn
    Wie benutze ich mein Gong-Fu im Kampf? Wie nutzt es meiner Gesundheit?
  • 善 Shàn
    Philosophischer Überbau. Aus welchen Gründen lerne und benutze ich mein Gong-Fu (Ethik)?
  • 美 Měi
    Gong-Fu als Ausdrucksmittel von Schönheit und Ästetik.

FRAGE: Besteht für dich ein Unterschied zwischen Gong-Fu und Wuhsu?
PENG SIFU: Das moderne Wushu, welches besonders in der Volksrepublik ausgeübt wird, wird schwerpunktmäßig aus sportlich-ästetischen Gründen betrieben. Die Effektivität spielt dabei eine nur untergeordnete Rolle. Gong-Fu hingegen muss effektiv sein! Ist eine Technik nicht anwendbar, so ist sie für den Kampf völligt nutzlos. Jeder kann eine Form erfinden, indem er einzelne Bewegungen aneinenader reiht. Das Problme ist jedoch der Nutzen für den Kampf.

FRAGE: Worin liegt das Ziel des täglichen Trainings?
PENG SIFU: Es gibt unterschiedliche Motivationen für das Gong-Fu Training. Manche wollen sich zu verteidigen lernen, andere wiederum lernen Gong-Fu, um sich fit zu halten. Anders als in Thailand, wo sich Thai-Boxer ihren Lebensunterhalt mit Profikämpfen verdienen, hat der Großteil der Gong-Fu Trainierenden einfach Spaß am Training. Jeder setzt eben andere Trainingsschwerpunkte.

FRAGE: Was hälst Du von sportlichen Wettkämpfen, sei es Formenwettbewerb oder Freikampf?
PENG SIFU: Viele Leute suchen ein Maß, um sich über Niveau und Wissen stand im Klaren zu sein. Der Vergleich mit anderen Gong-Fu Schülern wird als wichtig angesehen. Wer ist besser, wer ist schlechter? Dadurch entsteht häufig der Trugschluss „Mein Gong-Fu (Stil) ist besser als deiner.“ So ein Vergleich ist meiner Ansicht nach völlig unwichtig, da er nicht die eigentliche Sache, nämlich dem eigenen Training, von Nutzen ist! Zuerst einmal gibt es immer jemanden, der besser ist uind zweitens kämpfen Menschen gegeneinenader, nicht die Stile. Ein Stil ist nur so gut, wie derjenige, der ihn praktiziert.

FRAGE: Viele Schüler stellen sich oft die Frage: „Wie lange muss ich trainieren, um gut zu sein?”
PENG SIFU: Diese Frage ist völlig unwichtig! Viele Gong-Fu Praktizierenden schauen nur auf das Ziel, nämlich die Meisterschaft bzw. Perfektion. Stattdessen sollte man mehr Geduld aufbringen und sich auf das Training zu konzentrieren, um dadurch den Weg zum Ziel zu genießen. Schließlich lernt man sein ganzes Leben. Perfekt ist ein nicht zu erreichendes Stadium! Für mich gibt es deshalb eine einfache Trainingsformel: Heute besser sein als gestern, morgen besser sein als heute. Nur so findet man Selbstbefriedigung und Glück. Ich genieße das Gong-Fu um seiner selbst willen!

FRAGE: Wie unterrichtest Du? Hast Du eine besondere Methode?
PENG SIFU: Für mich ist Gong-Fu eine Lebensphilosophie, die mein ganzes Leben beeinflusst. Ich will meine Schüler nicht zu Straßenschlägern ausbilden. Mein Emblem besteht aus einer Gottesanbeterin, zusammen mit einem Schwert und einem Buch. Früher stand der Begriff Wenwu (Literatur und Kampf) für eine bestimmte gesellschaftliche Position. Die schönen Künste wurden zusammen mit der Kunst des Krieges gepflegt. Probleme und Konfrontationen können heutzutage nicht allein mit Fäusten, sondern glücklicherweise häufig mit Köpfchen gelöst werden, In der Gesellschafft herrscht immer noch das Vorurteil vom rüden, nicht gehirngesteuerten Monster vor! Wer nur an den Kampf denkt hat den Sinn des Gong-Fu nicht verstanden.

FRAGE: Wie siehst Du die Entwicklung hier in Taiwan?
PENG SIFU: In Taiwan ist die Gesellschaft ungeheuren Wandlungen unterlegen. Man wendet sich ab von alten Traditionen hinzu westlichen Vorbildern. Erfolg in der Schule und Beruf garantieren einen hohen Lebensstandard. Von klein auf wird wird man auf diesen Lebensweg vorbereitet. Leistung und Druck als Erfolgsgarant. Ein Kind hat brav zu lernen und sich der Gesellschaft anzupassen. In einer Gesellschaft wied er unseren ist kein Platz für Freizeit. Mit Gong-Fu lässt sich kein Geld verdienen. Wir trainieren täglich, sind dreckig und schweißgebadet. Gesellschaftliche Anerkennung findet man jedoch meist nur im Anzug mit weißem Kragen!

Es ist wirklich schwer zu unterrichten, um davon leben zu können. Professionell Gong-Fu zu unterrichten bedeutet das „tote“ Gong-Fu in der Hand des Schülers zum Leben zu erwecken und nicht sein Gong-Fu wie eine Ware zu verkaufen! Ich bin in der glücklichen Lage, von meinem Gong-Fu leben zu können. Es ist nicht viel, aber ich bin glücklich!

Es gibt viele Lehrer, die „professionell“ Gong-Fu unterrichten, aber nur wenige, die es aus Liebe zum Gong-Fu machen. Jemand wie Peng Hanping braucht nicht mit irgendwelchen „geheimen“ Techniken zu werben, da er sein Gong-Fu in seiner ganzen Spannbreite und vorbehaltlos abn seine Schüler weitergibt. Denn nur so kann Gong-Fu vom Meister zum Schüler weitergegeben werden!

Über Peng Han-Ping
Meister Peng Han-Ping wurde 1962 geboren. Mit 15 Jahren begann er mit seiner ersten Kung-Fu-Ausbildung bei Meister Liu Yun Qiao, der ihn das Ba Ji Quan (八極拳, Acht Extreme Boxenl) und das Liu He Tang Lang Quan (六和螳螂拳, 6 Harmonien Gottesanbeterin Boxen), in der Linie von Ding Zi Cheng, lehrte.

Er wechselte dann zu Meister Wie Xiao Tang, von dem er das Ba Bu Tang Lang (八步螳螂拳, Acht Schritte Gottesanbeterin Boxen) lernte. Meister Wei verstarb leider fünf Jahre nach Aufnahme der Ausbildung. Während diesen ersten Jahren bekam Meister Peng beim Studium der Grundtechniken der Stile eine Idee von dem was Kung-Fu wirklich bedeutet. Während der folgenden Militärzeit hatte er dann noch die Gelegenheit, Di Tang Quan (Bodenkampf) zu erlernen.

Seine Begeisterung für das Gong-Fu-Training bescherte ihm eine Reihe weiterer Erfahrungen und er konnte auf seiner Suche von weiteren Meistern lernen und seine Wissen um die historischen Künste erweitern.

Von Meister Zhang Kezhi lernte er Tang Lang Quan, Chen Taiji, Hung Gar und Hong Quan und die Basistechniken der Pekingoper. Von ihm lernte er auch die betrunkene Form der acht Unsterblichen.

Meister Peng Han Ping mit dem Speer (Qiang)

Meister Peng Han Ping mit dem Speer (Qiang)

Seine Ausbildung in traditionellen Waffenkünsten erhielt Meister Peng von Sifu Han Te-Hsiang, der ihm u.a. den Umgang mit Schnurpfeil (Sheng Biao), Kettenpeitsche (Jiu Jie Bian), Dreigliederstab (San Jie Gun) beibrachte.

Zu guter Letzt führte ihn sein Weg in die Schule des Adlerklauen Meisters Chung Fu Sheng dessen letzter formeller Schüler im Ying Zhao Quan (Adlerklaue) er wurde.

Nach seiner umfangreichen Ausbildung spezialisierte sich Xiao Peng auf das Tang Lang Quan und die traditionelle Waffenkünste. Seine unermüdliche Suche nach Wissen und sein tägliches Training brachte sein Verständnis und seine Vorführfähigkeit der Kunst auf ein nennenswertes hohes Level.

Meister Peng Han Ping mit dem Dreigliederstab

Meister Peng Han Ping mit dem Dreigliederstab

Später emigrierte er nach Kalifornien und eröffnete dort eine Schule. Als legendär gilt ein Auftritt in den USA 1991, als er beim Tat Mau Wong Turnier eine Dreigliederstab-Form vorführte und die Zuschauer in Staunen versetzte. (Anmerkung: Davon gibt es ein Video, welches ich noch suche…).

Als Sifu Peng einige Jahre später nach Taiwan zurückging, eröffnete er dort ein Restaurant und unterrichtete sein Gong-Fu weiterhin an viele in- und ausländische Schüler. Neben seinen täglich Klassen im New Park unterrichtete er an der Shih-Ta High School, an der technischen Schule in Tansui und an der Polizei Akademie.

Im July 1999, als Peng Hanping er auf dem Weg zu einem Termin war, verlor in einer Kurve die Kontrolle über sein Motorrad und die Maschine brach aus. Als er tödlich verunglückte waren keine anderen Personen oder Alkohol beteiligt. Meister Peng Han Ping, oder “Xiao Peng” wie ihn seine Schüler und Freunde nannten, hinterließ eine Ehefrau und einen Sohn.

Meister Peng Hanping’s Lehre, so wurde mir berichtet, bestand nicht nur aus dem Unterrichten von Kung-Fu-Techniken, sondern auch aus der Weglehre des Kung-Fu. Sein Unterricht war oft humorreich und er war stets ehrlich und aufrechtig. Er berührte mit seiner Art und Weise die Dinge zu handhaben die Herzen der Schüler und der Menschen die ihn kannten.

Persönliche Anmerkungen
Ich hatte leider nicht das Glück Meister Peng Hanping kennenlernen zu dürfen. Alle Quellen, die ich bei der Vorbereitung dieses Artikels gelesen habe, berichteten, dass er sich über die Veröffentlichung gefreut hätte. Er war jemand, der, wie Mike Martello, einfach zu früh gehen musste und sein Wissen mit ihm von dieser Erde ging. Diese Schicksale lehren uns jeden Tag zur Erhaltung der Kunst zu nutzen und nicht auf morgen zu warten.

Danke
Ich bedanke mich bei Michael Hanamura, der mir erlaubt hat das Interview hier zu veröffentlichen und Abi Moriya aus Israel, der Schüler von Meister Peng Hanping in Taiwan war. Sifu Abi stellte mir alle Fotos für den Artikel zur Verfügung und gab mir persönliche Informationen über das Training und die Ausbildung von Xiao Peng.

Quellen:

Artikel & Interview “Peng Hanping – Ein Leben für Gong-Fu”
von Michael Hanamura

Mantiscave – Ba Bu Tang Lang – Peng Han Ping
von Fernando Blanco Dopazo

“Motorcycle Accident Claims Peng Han-Ping”
von Yamauchi, James veröffentlicht im INSIDE KUNG-FU Magazine Mai 2000 (Nr.18)

Persönliche Informationen per Email von:
Michael Hanamura, Abi Moriya, Kai Uwe Pel

Alle Fotos zur Verfügung gestellt von:
Abi Moriya (www.abimoriya.com)

Video

Hier noch ein Videoclip von Sifu Abi Moriya Youtube Channel. Meister Peng zeigt die “Form der acht betrunkenen Unsterblichen” (in den 80ern):




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