Bu Fa – Schrittspiele mit Vektoren in Neuss
Lehrer Friedhelm Tippner lud am gestrigen Samstag zu einem Seminar in seine Schule in Neuss ein. Thema war Bu Fa – ein in den klassischen chinesischen Kampfkünsten weitreichender Begriff, der sowohl statische als auch dynamische Aktionen der Beine während der Ausführung von Techniken bezeichnet. Im westlichen Raum würden wir dazu am ehesten “Beinarbeit” sagen.
Zu Grunde lag das von Lehrer Friedhelm Tippner unterrichtete Liu He Ba Fa, ein sogenannter innerer Stil, und die verschiedenen Möglichkeiten, sich im Liu He Ba Fa über spezielle Schritt- oder Geh-Varianten räumlich fortzubewegen bzw. Wirkkräfte freizusetzen. Wie alle Inhalte, die Friedhelm Laoshi (Lehrer) auf seinem Seminaren unterrichtet, kann man, auch wenn man kein Liu He Ba Fa trainiert, die angewandten Prinzipien auf alle anderen klassischen Kampfkünste anwenden. Egal welche Systeme man auch trainiert, die Meisten bewegen sind mit zwei Armen und zwei Beinen in derselben Welt, die den Gesetzmäßigkeiten der Physik unterworfen ist.
Ich hatte von Bu Fa ein ziemlich genaue Vorstellung und mit entsprechenden Erwartungen bin ich dann auch, sehr rechtzeitig im dichten Schneetreiben, nach Neuss aufgebrochen.
Das Seminar
Die in der Ausschreibung angekündigten Bewegungsspiele fanden mit vielen Erklärungen auch so statt – nur nicht wie ich es erwartet hatte. Eine mir so neue Herangehensweise und sehr detailierte Betrachtung von Positionen und Bewegungsrichtungen wurde vorgestellt und anhand von Beispielen immer wieder überprüft. Ich habe auf noch keinem Seminar von Friedhelm Tippner Laoshi erlebt, dass das was erklärt wird nicht auch sofort praktisch geübt und hinterfragt und erfahrbar gemacht wird. Zum Teil fand ich es schwierig, dem roten Faden in Bezug auf „Beinarbeit“ zu folgen, waren manche Beispiele zunächst sehr abstrakt, aber mit der Übung und Übung und Übung öffneten sich meine Augen und die Sache wurde rund und schlüssig. Ich fand Parallelen und Unterschiede zu dem was ich bisher gelernt und mitbekommen habe, wobei mir gestern die klassische westliche/russische Boxschule am häufigsten ins Gedächtnis gerufen wurde.
Die Analyse jeder Bewegung auf ihre Vektoren hin war hochinteressant und ließ keinen Platz für „geheime Kräfte“ oder „Qi-Erlebnisse“. Entweder kommt vorne (Schlagziel) ein „Pfund“ an – oder eben mehr oder weniger. Die Überladung der gegnerischen Wahrnehmung durch Schrittarbeit war für mich ebenfalls ein völlig neuer Ansatz über Positionierungen nachzudenken.
Ein weiterer sehr interessanter Aspekt, neben der Verstärkung oder Unterstützung der Schlagkraft mit Hilfe der Vorstellung von Vektoren, war die Beinarbeit und Positionierung der Körpers im Clich und im Qinna (Hebel etc.) bei unkooperativen Verhalten der Partners.
Viel neuen Input und Inhalte über die es sich lohnt nachzudenken, seine Beinarbeit auf seine Richtungen hin zu überprüfen und gegebenenfalls korrigierend einzugreifen.
Fazit
Mir hat der Samstag in Neuss eine neue, oder besser, schärfere Sichtweise auf Positionen und Bewegungen gebracht. Vieles macht man einfach, ohne zu wissen warum – es funktioniert, aber warum? Wichtiger: Manches funktioniert vielleicht nicht oder nur mäßig – warum nicht?!
Man sagt, das Liu He Ba Fa sei eine Schatzkammer der chinesischen Kampfkunst – ich habe bisher nichts anderes erlebt, so dass ich das nur bestätigen kann.



