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100 Tage Selbstzucht

Jun 5th, 2010 | By Christian Kubiak | Kategorie: Christian Kubiak

Anfang Februar zog ich mich für volle sieben Tage aus dem Alltag zurück und machte fernab der Heimat eine Art „Besinnungsurlaub“, in dem ich mich die gesamte Zeit ausschließlich auf mein Kampfkunsttraining konzentrieren konnte – und dies auch getan habe.

Unter dem Motto „von zehn bis zehn“ und „soweit die Füße tragen“ war Training angesagt. Wenn, in Pausen, nicht körperlich trainiert wurde, wurde gelesen (Kampfkunstliteratur). Die Ernährung war nicht üppig aber ausreichend, ausgewogen und gut, aber ohne Nachschlag und extra Majo. Auf genug Schlaf habe ich ebenfalls geachtet – mehr stand nicht auf meinem Tagesplan. Kein Luxus, keine Alltagsdrogen (Kaffee, Alkohol, Süßes, Fastfood, etc.).

Die so verbrachten Tage in der Abgeschiedenheit taten mir natürlich körperlich sehr gut und das minimalistische Leben, konzentriert auf das wesentliche, war hervorragend dazu geeignet meinen Geist zu schärfen, über mein gongfu nachzudenken und Schwächen zu erkennen.

Ich konnte für mich wertvolle Erkenntnisse gewinnen und fühlte mich besser und fitter. Aus dem Gefühl heraus beschloss ich die folgenden 100 Tage in einem Selbstzuchtexperiment zu verbringen. Ich verzichtete konsumtechnisch freiwillig auf alles was nicht unbedingt sein muss und „Spaß macht und schmeckt“. Dazu versuchte ich Gewohnheiten abzulegen, die mich vom Weg ablenken und mir neue Gewohnheiten anzueignen, die die Entwicklung meines gongfu fördern oder unterstützen.

Trainiert wurde mindestens einmal pro Tag, meistens sogar zweimal. Dreimal in der Woche habe ich mich zum Laufen gezwungen und konnte, nach einiger Zeit, zum ersten Mal überhaupt 10km in am Stück oder z.B. 75 Minuten am Stück laufen. Regelmäßige Konditionierung und Abhärtungseinheiten, Grundschule, Funktionales Krafttraining, etc. wurden konsequent eingehalten und sind zum Alltag geworden. Meine Ernährung wurde dazu umgestellt und alle Gewohnheiten auf ihre Sinnhaftigkeit durchleuchtet und ggf. abgeschafft.

Nun sind die 100 Tage seit dem 1. Juni abgelaufen und ich bin weder „rückfällig“ geworden, noch vermisse ich irgendwas. Ich mache einfach weiter – diesmal ohne nötige Selbstzucht oder Zwang, sondern aus der gewonnenen Erkenntnis heraus, dass es mir und meinem gongfu gut tut diesen Weg zu gehen. Über manche frühere Gewohnheiten kann ich heute, nach über 100 Tagen, nur den Kopf schütteln – es ist verblüffend, was nur 100 Tage ausmachen können!

Ein weiteres erfreuliches Ergebnis der 100 Tage ist ein enormer Gewichtsverlust. Brachte ich im November noch gute 101 kg auf die Waage, pendel ich jetzt um die 93 kg (bei 1,95m). Eine wahrhaftige Erleichterung beim täglichen Training!

Das Experiment hat in vielerlei Hinsicht dafür gesorgt, dass ich mich selbst als Kampfkünstler ernster nehme und mir mit größeren Selbstrespekt begegne. Ich war vor den 100 Tagen nicht wirklich schlecht drauf, aber jetzt geht’s mir einfach besser.

Ich kann jedem nur empfehlen so ein Experiment für sich durchzuführen und die Erfahrung zu machen. Bewusst auferlegte Selbstdisziplin und Härte gegen seine schlechten Angewohnheiten und seinen inneren Schweinehund wird dem eigenen gongfu mit Sicherheit nicht schaden.

Den Terminus “Selbstzucht” habe ich aus MUSASHI übernommen. Er nutze den Begriff in weitaus härterer Weise und umfassender, aber die Absicht schien mir ähnlich und passend.

Foto: Das Foto habe ich während meiner letzten Chinareise im September 2009 aufgenommen.

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